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© Musikfreunde Isartal e.V. 2007

 

                               Gabriel Fauré (1845 - 1924)

Gabriel Fauré (1845-1924) gehört zwar zu den wichtigsten Komponisten Frankreichs in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts und zu Beginn des 20. Jahrhunderts, doch ist seine Musik außerhalb seines Heimatlandes bisher wenig bekannt geworden. Das liegt einmal daran, daß Faurés Hauptwerk im wesentlichen Klaviermusik, Lieder und Kammermusik umfaßt, demgegenüber die Orchesterwerke sehr in den Hintergrund rücken; auch mit nur zwei Opern (Prométhée, Pénélope) konnte sich Fauré schon in Frankreich kaum ein größeres Publikum erhoffen, geschweige denn in anderen Ländern. Schließlich entzieht sich seine höchst individuelle Kunst der Einordnung in die gängigen stilistischen Kategorien, und auch der vielstrapazierte, im übrigen aber unzutreffende Begriff des „Impressionismus" versagt angesichts der Kunst Faurés.

Gabriel Fauré erhielt in Paris an der Kirchenmusikschule Louis Niedermeyers bei C. Saint-Saens seine Ausbildung und wurde Kapellmeister, später Organist an der Madeleine. Nach einem Lehramt an seiner ehemaligen Ausbildungsstätte übernahm er 1896 eine Kompositionsklasse am Pariser Konservatorium und war 1905 bis 1920 Direktor dieses Instituts. Zu seinen Schülern zählen u. a. Maurice Ravel. Charles Koechlin, Florent Schmitt, Roger Ducasse und Nadia Boulanger.

Von Saint-Saens, der schon 1878 beim Erscheinen der Violinsonate opus 13 auf Fauré aufmerksam gemacht hatte, war Fauré nachdrücklich auf die Notwendigkeit hingewiesen worden, Kammermusik zu schreiben, die im Jahrhundert der Oper in Frankreich fast völlig vergessen wurde. Mit seinem Lehrer und Cesar Franck gehört er denn auch zu den Erneuerern der französischen Kammermusik.

Fauré verläßt in seinem Spätwerk das traditionelle harmonische System. Nunmehr ergaben sich die Zusammenklänge nur noch aus dem linearen Spiel der einzelnen Stimmen. Polyphonie und konstruktives Denken sind wesentliche technische Merkmale seiner Kunst. die frei von außermusikalischen Anregungen entsteht.

Alle Werke Faurés sind durch ein Höchstmaß an Disziplin. durch eine ausdrucksvolle, aber gezügelte Sprache bestimmt, was nicht bedeutet, daß seine Musik nicht auch leidenschaftlich bewegt sein kann. Fauré entzog sich konsequent allen allzu starken Einflüssen. Obwohl Rayreuth-Pilger bis 1896, wurde er nie zum Wagnerianer; er erkannte wohl die Bedeutung der klassizistischen Kunst C. Francks oder der russischen Schule, ohne sich der einen oder der anderen Richtung zu verschreiben.

Er enthielt sich jeder groben Veräußerlichung, jedes vordergründigen Realismus, verzichtete jedoch auch auf ein allzu großes klangliches Raffinement. Die berechtigte Frage, was denn bleibt, wenn man die Extreme auf beiden Seiten streicht, beantwortet Faurés Kunst durch ihre zutiefst menschliche Grundhaltung, die sich dem Hörer oft unmittelbar erschließt.

In dieser Hinsicht ist sein Requiem Opus 48, komponiert 1887/88, ein beispielhaftes Werk. Fauré hat es in der Erstfassung in der Madeleine aufgeführt, obwohl es der liturgischen Form des Requiem nichr immer konsequent entspricht. So läßt das Werk einige Teile des Requiemtextes unberücksichtigt; vor allem fehlt die an sich für ein Requiem charakteristische Sequenz Dies irae, dies illa bis auf ihre beiden Schlußzeilen. Als eigener Satz (Pie Jesu) erklingen diese erst nach Offertorium und Sanctus, also an unüblicher Srelle.

Das Werk gehört neben den Requiemvertonungen von Brahms, Dvorak und Verdi zu den bedeutendsten Schöpfungen dieser Zeit, doch fällt es weder durch Theatralik noch durch Dramatik auf.

Fauré zeichnet kein Bild des Schreckens, sondern eines des gläubigen Vertrauens. Er hält sich nicht streng an das Dogma; seine Religiosität war „Glaube, Liebe, Hoffnung", ganz im Gegensatz

zur strafenden Gerechtigkeit eines Christus triumphans, der für ihn doch nur Abbild philiströser Erwartungen menschlicher Gerichtsbarkeit war. Hier berührt sich Fauré mit Gustav Mahlers 2. Sinfonie (1888-1894). besonders der Überleitungsmusik zum Finale mit dem Text der Ode Auferstehn, ja auferstehn von Klopstock.

In sieben Teilen tritt uns der ganze Reichtum der Gestaltungsmittel Faurés entgegen. Der Strenge des Introitus folgt das Kyrie mit den für französische Komponisten typischen kurzen Motiven. Eine sehr sonderbare Remineszenz lassen die Verschränkungen der beiden Stimmen zu Beginn und in der Wiederholung im Offertorium erkennen: sie erinnern an Messesätze der Frührenaissance. Mit dem Baritonsolo Hostias er preces erhebt sich bereits hier jener trostvolle Ton, der das Pie Jesu, das Agnus Dei und den Schlußsatz In Paradisum bestimmt. Unvergeßliche Momente sind das Osanna oder das Dies irae: wenige, sehr konzentrierte Tuttistellen von höchster kompositorischer Ökonomie.

Zwei Komponisten müssen genannt werden, dem das Werk Faurés Requiem verpflichtet ist, ohne daß dies die Originalität seiner Komposition schmälerte:

Von J. S. .Bachs polyphoner Kunst war Fauré zeit seines Lebens beeindruckt, und das maßvolle, konstruktive seiner Formen ist ohne das Vorbild Bachs nicht denkbar. Das Französische des Werkes aber, seine Stimmung, seine Motivik, manche harmonische Wendung wie auch die eingängigen Melodien erinnern an die geistlichen Werke Charles Gouriods.

Die Instrumentierung hat Fauré ganz in den Dienst des Textausdrucks gestellt. Auffallend an der Partitur ist die geringe Verwendung der Violinen (I.II unisono), nur im Sanctus, Agnus, Libera und In Paradisum.

Neben der teilweise solistischen Orgel sind Blechbläser, Pauken, Harfe, Flöten, Klarinetten und Fagotte nur an bestimmten Textstellen zur Verdeutlichung eingesetzt. Erstaunlich für Fauré. der doch oft die Instrumentierungen seiner Werke Schülern oder Freunden überließ, ist es, daß vom Requiem sogar zwei Instrumentierungen vorliegen, die erste von 1887/88, die zweite in der heute bekannten Form, wie sie der Komponist 1900 für den Druck vorbereitete.

In der ersten Fassung fehlen die Holzbläser. 1905 bestand die Besetzung für Aufführungen in der Kirche aus dem Kapellchor mit 30 Knaben (Sopran, Alt), 6 Männerstimmen (3 Tenore, 3 Bässe) und einem Baßsolo. Das Orchester umfaßte vier Violen, 4 Violoncelli, eine Solovioline, ein Solovioloncello, Kontrabaß, Harfe, Pauken, 2 Trompeten, 2 Hörner, 3 Posaunen und 2 Fagotte.

Als Gabriel Fauré am 4. November 1924 starb, erklang sein Requiem zu seinem Gedächtnis. Kein

anderes Werk wäre diesem Menschen und Künstler angemessener gewesen.

Der vorliegende Auszug wurde nach der Partitur völlig neu erarbeitet und mit ihr in Übereinstimmung gebracht, da der Auszug der Erstveröffentlichung nach Faurés Zeugnis viele Mängel aufwies. Ein Revisionsbericht in der neuen Partitur-Ausgabe gibt Aufschluß über den Vergleich mit dem Autograph sowie die Zusätze des Herausgebers.

Reiner Zimmermann