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© Musikfreunde Isartal e.V. 2007
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"Ein deutsches Requiem" – ein Requiem?
"Wenn er seinen Zauberstab dahin senken wird, wo ihm die
Mächte der Massen, im Chor und Orchester, ihre Kräfte verleihen, so stehen uns
noch wunderbare Blicke in die Geisterwelt bevor."
(Robert Schumann über Johannes Brahms in dem Artikel "Neue Bahnen",
erschienen in der Neuen Zeitschrift für Musik, 1853)
Mit dieser poetischen Prophezeiung lenkte Robert Schumann das Augenmerk der
Öffentlichkeit auf das Schaffen seines erst zwanzigjährigen Freundes Johannes
Brahms, welcher zu jener Zeit für das öffentliche Musikleben noch
weitestgehend unbedeutend war. Brahms war seit seinem ersten Solokonzert 1848 in
Hamburg als Pianist tätig und begann nur langsam und zögerlich, seine ersten
Schritte als Komponist zu wagen. Der Besuch von Johannes Brahms bei Robert und
Clara Schumann im Jahre 1853 – er markiert den Beginn einer jahrelang
währenden, tiefen Freundschaft – sollte folgenreich für die private, ebenso
wie für die musikalische Entwicklung des jungen Komponisten werden.
Als Robert Schumann im Jahre 1856, bereits gezeichnet von schweren Depressionen
und Wahnanfällen, in der Heilanstalt Enderich bei Bonn verstarb, war Brahms
tief erschüttert. Die Tatsache, dass er noch im selben Jahr die Arbeit am
"Deutschen Requiem" opus 45 – seinem ersten großen Werk für Chor
mit Orchester – begann, mag wohl im Zusammenhang zum plötzlichen Tod des
Freundes stehen. Denn gerade jenes Werk scheint ganz im Geiste Schumanns zu
stehen, der – wie uns sein Projektebuch verrät – auch ein deutsches Requiem
geplant hatte. Brahms selbst schrieb in einem Brief an Joseph Joachim:
"…so wüßtest du, wie sehr und innig ein Stück wie das ‚Deutsche
Requiem‘ überhaupt Schumann gehört. Wie es mir also im geheimen Grunde ganz
selbstverständlich erscheinen mußte, daß es ihm auch gesungen würde."
Mit dem deutschen Requiem, einer Vertonung biblischer Texte zum Thema
Sterblichkeit, wurde Brahms die langersehnte Anerkennung als Orchesterkomponist
zuteil. Die Uraufführung 1868 in der Bremer Kathedrale, von Brahms selbst
dirigiert, wurde vor mehr als 2500 Leuten zum ungeteilten Erfolg. Clara Schumann
verlieh der überwältigenden Wirkung des Requiems Ausdruck, wenn sie im April
1868 in ihr Tagebuch schrieb:
"Mich hat dieses Requiem ergriffen, wie noch nie eine Kirchenmusik… Ich
mußte immer, wie ich Johannes da stehen sah mit dem Stab in der Hand, an meines
teuren Roberts Prophezeiung denken…, welche sich heute erfüllte. Der Stab
wurde wirklich zum Zauberstab und bezwang alle, sogar seine entschiedenen
Feinde."
Der Erfolg des Requiems mit seiner romantischen, gleichzeitig an barocker
Kirchenmusik orientierten Tonsprache ist keineswegs selbstverständlich, denn
Brahms beschritt mit diesem Werk neue Wege, auf deren Akzeptanz er keineswegs
bauen konnte. Bereits der Titel des Werkes lässt einen aufblicken: "Ein
deutsches Requiem"?
Das Requiem als musikalischer Zyklus hatte zwar spätestens seit Mozarts
d-Moll-Requiem den Weg aus dem sakralen Kirchengebäude in den Konzertsaal
angetreten und sich dadurch aus dem liturgischen Kontext gelöst. Das Fundament
eines Requiems aber, die vorgegebene Textfolge Introitus, Kyrie, Dies irae,
Offertorium, Sanctus, Agnus dei und Communio in lateinischer Sprache blieben in
Mozarts, ebenso wie in anderen Requien unangetastet. Brahms hingegen löst sich
ganz aus der Tradition der Requien, wenn er seinem "Deutschem Requiem"
sechzehn Bibelstellen aus verschiedenen Büchern der Lutherbibel zugrundelegt.
Anhand der Textauswahl offenbart sich das Brahmsrequiem dann auch weniger als
dogmatisches Glaubensbekenntnis, als vielmehr als persönlicher Ausdruck von
Brahms' religiösen Gedanken und Gefühlen.
Im lateinischen Requiem steht das Flehen um
Gnade und Erlösung nach dem Tod im Vordergrund, wobei der Tag der göttlichen
Rache im "Dies irae" eine zentrale Position einnimmt. Ganz anders bei
Brahms. Kein Wort von Rache oder Strafe für die Sünden der Menschen vor dem
höchsten Gericht, geschweige denn von der Befreiung der Menschheit durch
Christi Tod. Im "Deutschen Requiem" ist die zentrale Aussage die
Versicherung ewigen Lebens sowie auch und besonders die Idee des Trostes für
die Hinterbliebenen.
Wenn das Brahmsrequiem aufgrund seiner Textzusammenstellung eindeutig kein
Requiem im eigentlichen Sinne ist, so steht es aber doch in einer
kirchenmusikalischen Tradition. Sowohl die Auslassung des Rachegedankens nach
dem Tod als Element lutheranischer Bibelauslegung als auch die Textauswahl
weisen auf die Verwurzelung des "Deutschen Requiems" im Bereich
protestantischen Denkens und protestantischer Kirchenmusik hin.
Individuelle Textzusammenstellung aus der Lutherbibel ist Kennzeichen so
berühmter Werke wie der "Musikalischen Exequien" opus 7 (1636) von
Heinrich Schütz und der als "actus tragicus" bekannten Trauerkantate
"Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit" (BWV 106) von Johann Sebastian
Bach. Schließlich hat auch der Titel einen direkten Vorläufer: Schütz nannte
seine "Musikalischen Exequien" eine "teutsche Begräbnismissa".
Aber nicht nur in ideeller, sondern auch in kompositionstechnischer Hinsicht
stehen die Werke von Johann Sebastian Bach und Heinrich Schütz Pate für das
"Deutsche Requiem". Wenn Brahms die Sätze 3 ("Herr, lehre doch
mich") und 6 ("Denn wir haben hie keine bleibende Statt") mit
großangelegten Fugen enden lässt, beweist er seine präzise Kenntnis des
Bachschen Kontrapunktes. Weiteres, deutliches Zeichen seiner tiefen Bewunderung
für Johann Sebastian Bach ist die Verwendung der Choralmelodie "Wer nur
den lieben Gott läßt walten", die dem "Deutschen Requiem"
zugrunde liegt. Und der Einsatz der Blechbläser im 7. Satz ("Selig sind
die Toten") im Verbund mit chorischem Unisono in tiefer Lage auf die Worte
"Ja der Geist spricht" erzeugt geradezu eine mystische Stimmung, die
an Heinrich Schütz erinnert.
Trotz der offensichtlichen Orientierung an kirchenmusikalischen Vorbildern ist
das "Deutsche Requiem" mit dem Wechsel von rezitativisch-liedhaften,
homophonen, fast archaisch anmutenden, und kontrapunktisch geführten Partien
doch ein typisch Brahmsisches Werk. Durch eine Fülle von motivischen
Beziehungen zwischen den Sätzen sowie die spiegelsymmetrische, um den vierten
Satz ("Wie lieblich sind deine Wohnungen") als Achse angelegte Form
verleiht Brahms dem Werk eine bestechende Einheit. So bilden die Sätze 1
("Selig sind, die da Leid tragen") und 7 ("Selig sind die
Toten"), die thematisch im Zeichen der Seligsprechung von Hinterbliebenen
und Toten stehen, mit dem dreitönigen, aufsteigenden "Selig-Motiv"
gleichsam den Rahmen des Werkes. Während in den Sätzen 2 ("Denn alles
Fleisch, es ist wie Gras") und 6 ("Denn wir haben hie keine bleibende
Statt") die Vergänglichkeit alles Lebendigen beklagt, bzw. die ewige
Verwandlung alles Seienden gepriesen wird, erklingt im dritten ("Herr,
lehre doch mich"), ebenso wie im fünften Satz ("Ihr habt nun
Traurigkeit"), ein eindrucksvoller Dialog zwischen Chor und Solist
(Bariton) bzw. Solistin (Sopran).
Gerade angesichts solch klarer Formstrukturen
mag es überraschend erscheinen, dass das Werk eine langwierige, komplexe
Entwicklung bis zu seiner endgültigen Fassung durchschritten hat. Von den
ersten Skizzen im Jahre 1856 über die Wiederaufnahme der Arbeit 1860/61 gelangt
es erst 1865 zur "vorläufigen" sechssatzigen Fassung. Durch
Hinzufügung des fünften Satzes nach der Bremer Uraufführung 1868 findet das
Werk schließlich zu der "Endfassung", wie sie heute im Konzertsaal
erklingt.
Die Verschmelzung traditioneller Techniken mit Brahms persönlicher,
romantischer Tonsprache, das Ineinandergreifen von lyrischen und
hochdramatischen Passagen und nicht zuletzt die individuelle Textauswahl
verleihen dem Werk seinen einzigartigen Charakter. Gerade weil Brahms hier so
eine bestechend klare und persönliche Sprache spricht, vermag es den Hörer und
die Hörerin so zu ergreifen, wie es Clara Schumann in ihrem Tagebuch notiert
hatte. Es ist ein wahrlich menschliches Requiem und somit das, was Brahms
gemeint haben mag, als er in einem Brief, bezugnehmend auf den Werktitel
"Ein deutsches Requiem" schrieb: "Ich gebe zu, daß ich recht
gern auch das ‚Deutsch‘ fortließe und einfach den ‚Menschen‘
setzte."
Text: Uta Blaumoser, 1999
Quelle: Internetseite des Jugend Symphonie Orchesters München
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